Kurzgeschichte: Die letzte Totengräberin

Rauschend rieselt der ausgetrocknete Sand in die Grube und legt sich um die entspannten Reste von Sturmwolke. Mit der nächsten Schippe rollt der Sand ihr in die Nase und versteckt die Augen. Das strohblonde Haar guckt nur noch in Zipfeln aus dem Boden heraus. Vom Rand der Grube rutscht Sand von selbst nach, als wollte er sagen, dass es ihm nicht schnell genug geht.

Regentanz muss einen Schritt zurück weichen, um nicht mit hinab gezogen zu werden. Sie hält kurz inne und wischt sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. Selbst in der tiefstehenden Abendsonne ist es erdrückend heiß. Bevor es dunkel wird muss sie fertig sein, also hockt sie sich wieder hin und schaufelt mit den blanken Händen trockene, braune Krumen auf ihre letzte Schwester.

Jetzt ist niemand mehr da außer ihr. Niemand der ihren Namen rufen kann. Niemand mit dem sie die Ernte aus den Gärten teilt.

Heute Nacht muss sie das erste Mal völlig allein schlafen. Ohne die Umarmung einer ihrer Brüder oder Schwestern um ihren Leib gelegt.

Sie ist die letzte einer aussterbenden Art.

Seit über zweihundert Jahren gab es nur das Dorf in dem Regentanz aufgewachsen ist. Ein Dorf, eingebettet in die verwitterten Überreste der Zivilisation. Kein Mensch, der von außerhalb dazu kam. Nicht mal das kleinste  Anzeichen dafür, dass es irgendwo noch andere gibt.

Als Sturmwolke völlig von Sand bedeckt ist, lässt Regentanz sich rücklings auf den Boden fallen und starrt die Wolken über sich an.

Für sie ist nun kein Totengräber mehr übrig. Sie würde sich rechtzeitig ein eigenes Grab schaufeln müssen, in das sie sich zum Sterben legen kann. Sie stutzt kurz. Wieso sollte sie das eigentlich tun? Kein Mensch da, der sich an ihrer Leiche stören und kein Tier, dass sie essen würde.

Vielleicht kommt irgendwo doch noch eine Fliege her, kann in ihren Überresten brüten und in ein paar Millionen Jahren entwickeln sich daraus intelligente Fliegenmenschen, die irgendwann Archäologie entwickeln und die Überbleibsel ihrer Mitmenschen finden um dann herauszufinden, dass ihre Rasse ihren Ursprung in genau diesen Menschen hat.

Die Welt um sie herum ist still. So still wie sie tot ist.

Regentanz fühlt sich verloren und zum ersten Mal einsam. Lediglich der Wind um sie herum lässt erkennen, dass sich überhaupt etwas bewegt. Nur eine salzige Brise, die vom Meer herüber weht. Die Zeit könnte genauso gut still stehen.

Seufzend rappelte Regentanz sich auf. Ihre Gelenke knackten beim Aufstehen, dabei war sie noch weit entfernt davon alt zu sein. Lediglich unternährt. Ein bisschen Gemüse und Getreide aus dem Garten, Obst von den Bäumen.

Die Sonne befand sich bereits so tief, dass ein paar alte Ruinen in der Ferne ihre Strahlen blockierten und die Schatten der Nacht langsam hervor krochen. Regentanz machte sich auf den Weg zurück zum Dorf, das nun vollständig von ihr bewohnt wurde. Der Wind zog an ihrem Kleid aus einfach gewebten Leinenstoff. Ein paar Riemen aus geflochtender Baumrinde dienten als Gürtel.  Von der gleichen Birke stammt auch die Rinde, aus der ihre Schuhe geflochten waren und die sie jetzt nach Hause trugen. Sie muss die Gedanken verdrängen, dass sie jetzt allein ist, und sich beschäftigt halten.

Vorbei an den Gärten und Feldern, in denen ihr Essen wächst, folgt Regentanz den platt gestampften Wegen zu der Ansammlung verwaister Häuser aus Holz und Lehm.

Die Tür zum ersten Häuschen steht offen und hindurch kann sie noch das zerwühlte Strohbett sehen, in dem Sturmwolke letzte Nacht in ihren Armen gestorben ist.

Eilig geht Regentanz die wenigen Schritte bis zur Tür und schließt sie, dass ihr der Blick ins Innere erspart bleibt. Vielleicht, irgendwann, wird sie es überwinden und die letzten Zeugen dafür, dass sie nicht immer allein war, weg räumen. Doch nicht heute. Nicht morgen.

Der Weg verlief weiter zwischen kleinen Lehmhäuschen hindurch bis zu dem Brunnen in der Mitte der Siedlung und bringt Regentanz auf den Platz auf dem sich die Leute trafen, bis vor vier Jahren nur noch Sturmwolke und Regentanz übrig waren.

Vorsichtig streicht sie mit den Fingerspitzen über den rauen Rand des Steinbrunnes und schiebt ein Kieselchen bis über die Kante. Sie wartet auf ein leises Platschgeräusch doch der Stein landet in dem geflickten Plastikeimer, der über dem Wasser hängt. Der hohle Knall hallt im Brunnen wieder und lässt Regentanz zusammen zucken.

Stimmt. Sturmwolke war gestern Abend schon zu schwach um ihre Aufgaben zu erfüllen, weshalb der Eimer wasserlos im Brunnen herum hing.

Kurz überlegt sie, ob sie Wasser hochholen soll, doch für wen eigentlich? Das Regenfass ist noch halb voll und außer ihr wird es eh niemand brauchen.

Sie nimmt sich einen der aus Holz geschnitzten Becher von einem der umstehenden Tische und verlässt den Platz in die Richtung eines ihrer Lieblingshäuser. Es steht ganz am Rand der Siedlung, fast schon im dürren Wald. Wie bei allen anderen Häusern steht die Tür offen. Regentanz füllt den Becher in dem Regenfass, dass neben der Tür steht, tritt ein und schließt die Tür hinter sich um die Kälte draußen zu halten.

Das Haus verfügt nur über eine einzige Etage in der, neben einem Kamin, ein Bett und ein Schreibtisch mit Stuhl standen. Der Rest des Raums war vollgepflastert mit Regalen in denen sich alle möglichen Bücher fanden, die die Jahre überdauert hatten.

Regentanz wirft ein paar Scheite Holz in den Kamin, nimmt den Feuerstein vom Sims und entzündet sich ein Feuer, dass sie die Nacht über warm halten würde. Vom Schreibtisch nimmt sie den einfachen Kerzenhalter aus Ton und hielt den Docht der Kerze darin in die Flammen. Mit ihrer Lampe setzt sie sich an den Schreibtisch, stellt die Kerze ab und schiebt sich das Papier zurecht. Sie öffnet das kleine Tintenfass aus Ton, dass ihr Großvater vor vielen Jahren selbst gemacht hat und dass von der ganzen Farbe mittlerweile völlig von fleckigem Schwarz und Grau bedeckt ist. Sie nimmt eine aus Holz geschnitzte Feder mit geschwärzter Spitze, taucht sie in die Tinte und setzt zum Schreiben an.

Falls, und das spricht gegen alles, was Regentanz glaubt, noch irgendjemand auf dieser Mutter Erde lebt, und diesen Ort findet, inwieweit entfernter Zukunft auch immer, soll er wissen, wer hier lebte und starb. Als letzter Totengräberin fällt es ihr zu, die Geschichte der Siedlung in ihrer finalen Version niederzuschreiben.

Die größte Ehre und das größte Elend, dass einem zukommen kann. Ihr Vater hatte ihr immer gewünscht, dass sie nicht die letzte sei. Doch nun sitzt sie hier im fahlen Schein der Kerze und weiß nicht, wo sie beginnen soll. Das Feuer des Kamins knackst hinter ihr im Raum und wirft ein paar Funken, vor den Fenstern bricht die Nacht herein. Allein sitzt sie da und überlegt, ob es ein “Falls” wirklich wert ist, die Geschichte dieses Dorfes festzuhalten. All die Jahre hatten alle die sie hier lebten Lesen und Schreiben gelernt nur für den Fall, der Letzte zu sein. Seit Jahren schon war ein genauer Plan ausgearbeitet, der dem letzten Totengräber den Tagesablauf bestimmte, damit er allein lange genug überleben konnte um alles aufzuschreiben. Regentanz wollte nie die letzte sein. Sie glaubt nicht, dass jemand kommt und die letzten Zeilen lesen würde. Doch ihre Mutter glaubte es. Ihr Vater. Ihre Brüder und Schwestern und alle, die sie sonst liebte und ihnen gegenüber fühlt sie sich verpflichtet. Verpflichtet dazu, ihre Existenz in die nächste Zivilisation zu tragen. Wenn sie sich an den Plan hält, ist sie in weniger als einem Jahr fertig und dann kann sie tun und lassen was sie will.

Sie nimmt noch einen Schluck Wasser aus dem Becher und stellt ihn neben sich ab. Die Tinte tropft von der Feder, als Regentanz sie ins Tintenfass taucht. Vorsichtig streift sie die Feder ein paar Mal ab, dann setzt sie sie auf das Papier:

“Am einundzwanzigsten Tag nach der Wintersonnenwende im Jahr 2976 bin ich die letzte Totengräberin von Göteborg,….”

Dabei weiß sie nicht, dass sie Recht behalten sollte.

Eine Privatschule und ihre neue Kleiderordnung: sexistische Kackscheiße

Eigentlich erinnere mich gern zurück an meine Zeit auf den Semperschulen in Dresden. Als einzige Frau in der Informatikklasse habe ich mich gut aufgehoben und vor allem völlig gleichbehandelt gefühlt. Die meisten meiner Dozenten haben eine Lebensweise von selbstverständlicher Toleranz und Gleichberechtigung vermittelt und sind auch individuellen Lebensweisen, die völlg gegen ihre laufen, immer mit dem nötigen Maß an Respekt entgegen getreten.
Diese Privatschule, an der ich über mich mehr lernen durfte, als in all meinen Schuljahren zuvor, hat in den vergangenen Jahren einen Kurs eingeschlagen, der jetzt in einem absoluten Höhepunkt der sexistischen Kackscheiße gipfelt und den konservative Eltern und desillusionierte Schüler über sich ergehen lassen und es stillschweigend hinnehmen, dass Jahrzehnte der Emanzipation mit Füßen getreten werden.

semper

Eine Schule lebt vor allem durch ihre Schüler und noch mehr durch ihre Lehrer. Meine Dozenten sind längst nicht mehr da und mittlerweile werden Lehrer eingesetzt, die mit der Überzeugung unterrichten, dass Jungs durch Intelligenz Lernerfolge erzielen und Mädchen eben durch Fleiß. Neben dem damit einhergehenden Wechsel der Unterrichtsmethoden, wirkt sich das auch auf das Zusammenleben im Schulalltag aus und nun wird jungen Frauen vorgeschrieben, was sie zu tragen haben und was nicht.

In Dresden ist es ja sehr beliebt über muslimische Frauen und die Hijab als Mittel der Frauenunterdrückung zu wettern, doch wenn in unserem „fortschrittlichem Abendland“ offen und für alle sichtbar Frauen sich völlig absurden Kleidungsregeln fügen müssen, gibt es keinen Aufschrei der Betroffenen.

Als ehemalige Schülersprecherin trifft es mich zutiefst, was aus den Semperschulen geworden ist. Vielleicht wirkt die Sache auf den ein oder anderen witzig aufgrund ihrer Absurdität, doch letztendlich steckt viel Ernst dahinter, der in einer toleranten Gesellschaft inakzeptabel ist und dem man sich auch dementsprechend entgegen stellen muss.
Kleiderregeln dieser Art beschneiden nicht nur die individuellen Rechte von Frauen, sondern senden gleichzeitig ganz subtil das Signal der Unterdrückbarkeit und Sexualisierung. Wo Frauen in engen Tops verboten sind, wird den Männern die Unfähigkeit unterstellt sie als gleichberechtigt wahrzunehmen. Gleichzeitig werden sexistische Arschlöcher in ihrer Ansicht unterstützt, dass Frauen sexualisierte Objekte sind und aufgrund ihrer Kleiderwahl zu Freiwild für sexuelle Gewalt werden. Das klingt sehr drastisch, doch irgendwo haben Übergriffe ihren Ursprung und der liegt einzig und allein bei Tätern, die sich durch genau solche Zeichen in ihrem verdrehten Weltbild bestärkt fühlen.

Ich bin empört, beschämt und vor allem schockiert. Über die Handlungen der Schulleitung genauso wie über die stillschweigende Hinnahme der Schüler- und Elternschaft und fordere Schüler wie Schülerinnen der Schule auf so lange in Netzstümpfen und schulterfreien Tops in die Schule zu gehen, bis der Schulleitung die T-Shirts ausgehen.

#10 – November – Horror – Der Sternenberg

„Der Sternen-Berg? Der heißt so, weil er bis zu den Sternen reichen soll und den Himmel stützt“ – Caspar

„Mein Oheim sagte mir einmal, es sei noch niemand bis ganz hinauf gestiegen.“ – Jost

„Das weiße Kind stieg hinauf und lebt nun da oben, habe ich gehört“ – Caspar

„Das weiße Kind ist ein Ammen-Märchen, um die Leute vom Berg fern zu halten.“ -Jost

„Mein Urgroßvater hat es gesehen. Als es einmal herab stieg und am Fuß des Berges unser Dorf beobachtete. Als er es erblickte und anrief, wandte es sich ab und rannte zurück den Berg hinauf.“ – Caspar

„Aufwirbelnden Schnee hat er gesehen. Weiter nichts.“ – Jost

„Erzählt mir von dem Kind.“ – Aharone

„Ich glaub, es war im zwölften Jahr der Regentschaft des König Balthasar IIX, da verliebte sich dessen Sohn Melchior in eine Jungfer, die in einer Hütte am Fuß des Sternenbergs lebte.“ – Caspar

„So ein Quatsch! Das war keine Jungfer, sondern eine alte Hexe, deren Zauberei sie jung erscheinen ließ und es war nicht König Balthasar IIX sondern sein Vorfahre Balthasar V. “ – Jost

„Das ist so lange her, da spielen ein paar hundert Jahre gar keine Rolle mehr!“ – Caspar

„Wenn das alles so egal ist, dann brauchen wir die Geschichte ja gar nicht erzählen.“ – Jost

„Also guuut – Der Sohn von Balthasar V, verliebte sich in ein HEXE, die am Fuß des Berges lebte. Diese gebar dann eine Tochter. Der König war darüber so wütend, dass er befahl die Hexe samt Kind zu töten. Die Hexe floh und versteckte sich mit ihrer Tochter. Ein paar Jahre vergingen, doch schließlich fanden sie die Soldaten des Königs, entrissen der Hexe das Kind und schnitten dem kleinen Mädchen die Kehle durch. Die Hexe sprach verzweifelt einen letzten Zauber aus und verbrannte zu weißer Asche, die die Leiche des Kindes umhüllte. Die Soldaten flüchteten aus Angst vor dem Zauber und ließen das Kind liegen. In dieser Nacht leuchtete der Himmel blutrot und der Mond war so weiß wie die Asche der Hexe. Als die Soldaten am Tag darauf zurück kehrten, um nach der Leiche des Kindes zu suchen, war diese nirgends aufzufinden.“ – Caspar

„Man behauptet, eine Spur wie von Kinderfüßen führte den Sternenberg hinauf. Die Soldaten folgten ihr, doch mussten aufgeben, ehe sie das Ende der Spur erreichten, da sie sonst verhungert und erfroren währen. Viele haben es nach ihnen versucht, obwohl es heißt, dass das Kind im Schnee lauert und Wanderer, die sich in der Dunkelheit auf dem Berg befinden, holt. Die wenigen, die zurück kamen, haben es gar nicht weit geschafft und wussten nie etwas spannendes zu berichten. Nur von Schnee und Kälte.“ – Jost

„Man erzählt sich, dass das Kind bei Sonnenaufgang wieder erwacht ist. Mit Haaren so weiß wie seine Haut und Augen so rot wie der Himmel in jener Nacht strahlte.“ – Caspar

„Was ist aus dem Prinzen geworden?“ – Aharone

„Sein Vater verheiratete ihn an die nächstbeste Prinzessin. Doch kaum war Balthasar verschieden, machte der Prinz sich auf den Berg zu besteigen um sein Kind zu suchen. Doch er kehrte nie wieder zurück.“ – Caspar

„Bist du nun zufrieden, Kind? Haben wir dir genug erzählt?“ – Jost

„Mich verwundern die grauenhaften Dinge, die erzählt werden. Ich habe nichts dergleichen getan.“ – Aharone

„Wieso hälst du uns dann hier fest auf deinem Berg und wo sind dann all die Wanderer geblieben, die den Berg erklimmen wollten?“ – Jost

„Die liegen sicher unter dem Schnee irgendwo begraben. Dahingerafft von Schnee und Eis.“ – Aharone

„Woraus ist dieses Haus gemacht, wenn nicht aus den Wanderern? Ich kann die Knochen sehen, die aus den Wänden lugen.“  – Caspar

„Diese Knochen da? Dieses Haus habe ich aus mir gemacht. Alles, was mein Körper verliert, wächst ihm nach und so habe ich mir diese Hütte auf dem Sternenberg gebaut. Ich habe mir die Haut mit den Fingernägeln aufgerissen und das Blut gesammelt, dass heraus lief. Tropfen für Tropfen habe ich die Wände aus geronnenem Blut errichtet. Meine Arme habe ich mir abgenagt und heraus gerissen, Balken für mein Haus aus den Knochen gemacht. Ich grub mich in meinen Bauch hinein und riss die Därme heraus, die nun eure Stricke sind und euch halten, denn ich habe nichts als meinen Körper, der nicht müde wird und sich immer neu hervor bringt. Alles, was ihr hier seht, von den Möbeln aus geronnenem Blut und Knochen, bis zu den Vorhängen, Teppichen und Laken aus Haut und Haar, habe ich von mir selbst genommen und zusammen geknüpft. So liegt ihr weich unter einer Decke aus meiner weißen Haut und auf einem Kissen, gefüllt mit meinem weißen Haar. Was ihr esst, dass habe ich mir aus dem eigenen Fleisch gerissen und über brennenden Resten meiner Haut gebraten. Seht, ich hebe das Kleid, dass ich aus meinem Haar gewebt, und ihr erblickt das tiefe Loch, dass sich langsam wieder füllt und heilt. Und blieb ich all die Jahre unentdeckt, so seid ihr zwei bis zu mir hinauf gestiegen und habt mienen Frieden gestört. Jetzt, wo es heraus ist, dass ich wirklich bin, muss ich hinab steigen und jeden meucheln, der da wartet und dessen Augen Erkenntnis spiegeln, sobald er mein Antlitz erblickt. Jetzt, wo mir doch klar ist, welch schaurige Geschichten über mich kreisen, lasse ich sie verstummen und kann alsbald, wenn nur Stille meinem Namen folgt, so frei sein wie der Wind, der euch zu mir herauf getragen. Euch überlasse ich ganz meinem Berg, denn er wird euch rasch dem Tode weihen und mit meinem Haus begraben.“  – Aharone

#9 – Oktober – Traum

Tatsächlich war Richard schon immer ein sehr pflichtbewusster und zuverlässiger Typ Mensch gewesen.
Richard war außerdem immer darauf bedacht, niemandem zu sehr vor den Kopf zu stoßen und anderen behilflich zu sein.
All das war der Grund dafür, dass er eine solide Anstellung als Buchhalter in einer recht guten Kanzlei inne hatte.
Unsinniger Weise wünschte er sich seit Kindertagen, in einen Zug zu steigen und quer durch ganz Europa zu reisen.
Mit zunehmendem Alter dachte er immer seltener daran, doch manchmal kam der Wunsch zu ihm zurück.
Tagelang hatte er nicht darüber nachgedacht, doch nun war es wieder da.
Richard saß an seinem Schreibtisch, die Bücher vor ihm, und sah versonnen hinaus auf die vorbeifahrenden Kutschen.
Am Himmel zogen ein paar Wolken vorbei und versteckten die noch warme Herbstsonne für ein paar Momente.
Unter seinen Händen trocknete die Tinte der sorgfältig geschriebenen Zahlen auf dem Papier.
Momentan war es ruhig in der Kanzlei und er hatte nicht besonders viel, was er erledigen musste.
Trotzdem fühlte er sich heute unruhig.
Reichlich und ruhig geschlafen hatte er und Sorgen hatte er auch nicht.
Ansich war sein Leben geregelt und verlief in geordneten Bahnen.
Unter Umständen war es einfach die Reiselust, die sich in Ruhephasen bemerktbar machte.
Moskau, die Stadt seiner Vorfahren, zu sehen, wäre wunderbar.
Tag für Tag blieb er dennoch an seinem Schreibtisch im Londonder West End und erfüllte seine Pflichten.
Ruckartig flog plötzlich die Tür zu seinem kleinen Büro auf und die Schreibhilfe der Kanzlei starrte ihn an.
Angst stand in ihren Augen, während sie die Tür zum Gang auf hielt.
Unter dem Dach sei ein Feuer ausgebrochen und sie müssten das Gebäude sofort verlassen.
Mit ein bisschen Panik griff Richard nach seiner Aktentasche und sprang vom Stuhl auf.
Träge schob sich Rauch in das Treppenhaus und trieb die fliehenden Menschen die Stufen hinab.
Richard stolperte zwischen seinen Kollegen und Vorgesetzten hinaus ins Freie.
An der Kreuzung war bereits der Feuerwehrwagen zu sehen, der mit Glockengeläut die Straße hinauf kam.
Unter einer Markiese auf der anderen Stra0enseite hielt Richard an und warf einen Blick zurück.
Menschen sammelten sich auf der Straße und schauten aus den Fenstern um nichts zu verpassen.
Tragisch, denn gerade jetzt lief die Kanzlei nicht besonders und musste sparen.
Richard realisierte, dass er seinen Job verlieren würde, als das Dach unter Flammen in sich zusammen fiel.
Allein wie sein Chef hektisch auf und ab ging und in Tränen ausbrach, sich die Haare raufte.
Und dann seufzte Richard erleichert.
Manchmal zwingt einen das Schicksal wohl zu seinem Glück.
Richard drehte sich um und ging davon.
Er würde einfach nach Hause gehen und seinen Koffer packen.
Alles Ersparte bei der Bank abholen und in den nächsten Zug steigen.
Lächelnd und erleichert ließ er Träumereien hinter sich.

#7 – August – Krimi

Augustbeiträge – Krimi

Mein Beitrag: Die Geschichte lag schon eine Weile herum. Ich hab sie jetzt fertig geschrieben für das SSC #7

Sie seufzt zufrieden, dann setzt sie sich auf. Seine Hand liegt träge auf dem kalten Laken neben ihr und verharrt dort. Sie beugt sich noch einmal zu ihm hinab, streicht ihm über die Wange, dann küsst sie ihn zärtlich darauf, doch er bleibt regungslos liegen.
Sie steigt vorsichtig aus dem Bett, weil sie Angst hat, ihn zu wecken, und schnappt sich ihre roten Pumps vom Boden. Auf Zehenspitzen schleicht sie sich davon, schließt die schwere Tür hinter sich und erklimmt die morsche Treppe nach oben.
Das schwache Licht der Morgendämmerung fällt durch den Türspalt die Treppe hinab und für einen kurzen Augenblick würde man die Silhouette einer Frau sehen, die durch die Tür huscht, stünde man am Fuß der Treppe, und es sähe aus, als durchstieße sie das Tor in eine andere Dimension, als ginge sie in eine andere Realität und ließe die unterhalb der Treppe achtlos zurück.
Debra bleibt noch einen Augenblick stehen, nachdem sie die Tür verschlossen hat, und sieht sich um. In ihrem Haus ist es ruhig, wie immer. Sie lässt die Pumps auf ihrem Weg ins Wohnzimmer im Korridor fallen, dass sie zwischen die anderen Schuhe purzeln, die dort auf einer zweckentfremdeten Türmatte warten, getragen zu werden. Sie geht zielsicher weiter bis zu dem Couchtisch vor ihrem Sofa, nimmt die Fernbedienung und schaltet den Fernseher an. Das Aufflimmern des Bildes und der einsetzende Ton beruhigen sie. Sie verweilt kurz und sieht sich an, was kommt, doch eigentlich interessiert es Debra nicht. Hauptsache, es läuft irgendetwas, denn sie erträgt die Stille nicht, wenn sie in dieser Realität ist.
Im Takt des Frühstücksfernsehens geht sie weiter, zurück in den Korridor und von dort aus in das kleine Bad. Lustlos streift sie die dünnen Träger ihres Satinnachthemdchens über ihre Schultern und lässt den roten Stoff zu Boden gleiten.
Das warme Wasser der Dusche scheint ihre durchfrorenen Glieder aufzutauen und so dreht sie es noch heißer, bis sie die Hitze kaum noch ertragen kann. Minutenlang steht Debra einfach nur da und lässt das Wasser auf sich niederprasseln.
Routiniert bringt sie Schritt für Schritt des Morgens hinter sich, wie jeden Tag, bis sie ansehnlich gekleidet und hübsch gemacht die Haustür hinter sich zu fallen lässt. Alles an ihr sitzt perfekt, bishin zu jedem einzelnen Haar, die an ihrem Hinterkopf streng zusammen stecken.
Gerade will sie über die rotbraunen Steine, zwischen kurz geschnittenem Gras hindurch, zur Straße gehen, als ein Wagen vor ihrem Hoftor hält.
Sie hält inne und nickt dem Mann grüßend zu, der aus dem Auto steigt und ihr einen guten Morgen wünscht. Er stellt sich vor, als ein Kriminal-Inspektor, der im Moment Bekannte und Verwandte eines Mordopfers aufsucht, doch wer wie ermordet wurde, will er ihr nicht auf der Straße sagen, also bittet sie ihn hinein.
Erst als Debra bequem auf der Couch sitzt, erzählt er ihr von ihrem Kollegen, dessen eine Hälfte vor drei Tagen im Wald gefunden wurde.
Sie sei die Letzte, die vor seinem Verschwinden vor zwei Wochen, mit ihm im Büro gewesen wäre, doch Debra sagt dem Kommissar, dass ihr Kollege noch da war, als sie das Büro verließ.
Auf ihre Nachfrage erklärt der Kommissar ihr, dass man nicht mehr fand, als einen Teil des Körpers, nämlich einen Arm, eine Schulter, eine Brust, eine Hälfte des Oberkörpers, einen Teil der Hüfte und ein Bein. Die andere Hälfte fehlt weiterhin, mitsamt Kopf, Organen und Geschlechtsteil. Man konnte ihn nur identifizieren, weil seine Ehefrau die Tätowierung auf seinem rechten Unterarm wieder erkannte.
Debra bricht in Tränen aus und ihr wird ein bisschen übel, doch der Inspektor kümmert sich nicht groß um ihren Gemütszustand.
Wenn es sie so sehr traf, soll sie sich eben krank schreiben lassen und da sie nichts weiter aussagen konnte, kann der Inspektor auch wieder gehen. Er hatte noch andere Aussagen aufzunehmen.
Debra begleitet ihn nicht zur Tür, sondern blieibt auf dem Sofa sitzen und sieht vor sich ins Nichts.
Als sie hört, wie die Tür ins Schloss fällt, bemerkt sie, wie ihr Busen sich hektisch hebt und senkt. Ihre Gedanken rasen um ihren Kollegen, doch sie war sich sicher, dass sie alle Spuren beseitigt hatte. Sie war perfekt und niemals nachlässig, das wusste sie.
Sie hört, wie vor ihrem Haus ein Automotor anspringt und davon fährt. Sie beschließt heute nicht zur Arbeit zu gehen. Stattdessen streift sie sich die High Heels von den Füßen, lässt den Mantel von ihren Schultern gleiten und öffnet die Tür, hinab in den Keller.
Zurück in die Dunkelheit und Kälte, ihr Paradies, in dem er ganz allein ihr gehört. Auf dem Weg nach unten wirft sie nach und nach ihre Kleidung ab, denn sie braucht ihn jetzt sofort für sich und als sie die Kühlkammer betritt und zu ihm in das gefrorene Bett steigt, ist sie gänzlich nackt, geziert von Gänsehaut und Verlangen.

#8 – September- Zwielicht

Einst sah ich die Sonne in all ihrer Pracht, hell und voller Energie, von der sie mir bereitwillig abgab. Jeden Tag hangelte sie sich am Himmel hinauf und wieder hinab und an manchen verfluchte ich sie für die Hitze, war froh, als sie wieder unterging. Doch irgendwann verschwand ihr Strahlen, verdeckt durch die Schatten der Eiche hinter mir, durch den Schatten des Busches, der sich seit einer Weile über mich beugt und durch die Bank, die man vor mir aufstellte. An meiner einzig freien Seite zeigt sie sich nie, nur der blasse, kalte Mond steigt dort auf und so liege ich im fahlen Schatten meiner Umgebung, stets von dämmrigem Licht umgeben, dass niemals ganz bis zu mir hindurch dringen kann.
Nur wenn die Nacht herein bricht und die Laterne neben der Bank angeschaltet wird, erreicht mich ihr künstlich gelbes Licht und fällt durch die Blätter des Busches hindurch, mir auf die raue Oberfläche.
Manchmal träume ich davon, dass eines der Kinder, die im Sonnenlicht spielen, mich findet und aufliest, um mich an einem schöneren Platz wieder fallen zu lassen, doch darauf warte ich vergeblich, denn ich bin weder besonders schön, noch auffällig. Einfach nur ein unförmiger, trauriger Klumpen unter einem Busch.
Ich muss gar nicht weit schauen, um zu sehen, wie das Licht meiner geliebten Sonne nur ein paar Zentimeter von mir entfernt vorbei zieht. Die kleinen Kiesel auf dem Gehweg glitzern sogar, wenn sie morgens aufgeht und der Tau noch überall liegt. Dann muss ich jedes Mal schwer seufzen, denn ihr Licht scheint unheimlich nah, so dass ich es beinahe berühren könnte.
Ein einziges Mal, vor langer Zeit, ließ jemand eine Flasche fallen und einige der kleinen Scherben sprangen bis zu mir. Andere flogen weit weg, doch eine kleine Scherbe fiel so, dass das Sonnenlicht kurz nach der Mittagszeit so reflektiert wurde, dass der dünne Lichtstrahl meine Oberfläche für etwa fünfzehn Minuten streifte. So beobachtete ich jeden Tag voller Vorfreude, wie der kleine Lichtpunkt auf mich zu wanderte, genoss die kleine Stelle an meiner Oberfläche, wo er mich kitzelte und sah ihm dann sehnsüchtig hinterher, wie er sich wieder davon schlich. Manchmal schoben sich auch Wolken vor die Sonne, so dass kein Lichtpunkt kam. Ein anderes Mal, nach einem verregneten Tag, konnte ich mich vor Aufregung kaum halten, als ich bemerkte, dass der kleine Lichtpunkt wieder auf mich zu wanderte, doch kurz bevor er mich erreichte, setzte sich ein Mann auf die Parkbank, so dass sein Schatten auf meine Freundin die Scherbe fiel. Dort blieb er sitzen, las eine Zeitung und aß ein Sandwich. Als er wieder aufstand, war das Licht schon an mir vorbei gezogen und enttäuscht lag ich still im Schatten.
Und dann, eines Nachts, vor dem letzten Winter noch, als der Herbst die ersten Blätter von dem Busch über mir pflückte, lief ein Jogger vorbei. Dessen Hund wandte sich von seinem Herrchen ab, lief zu mir, hing seine feuchte Nase zwischen die Blätter und Zweige, dann verschwand er wieder. Doch zu meinem Übel, schob er dabei mit seiner unruhigen, gottverdammten Pfote meine geliebte Scherbe zur Seite. Nun ist sie seit langer Zeit vom Dreck verborgen und ich liege wieder hier ohne das kleine bisschen Sonnenschein, dass mich einmal am Tag besuchte.
Wenn ich doch nur jemanden zum Reden hätte, aber um mich herum ist nur dürres Gras, dass bei jedem Windstoß raschelt und dabei klingt, als würde es über mich lachen. Ich hasse das Gras.
Und den Busch.
Und den Baum und die Bank!
Alles um mich herum liegt in ständiger Dämmerung und egal wie sehr ich es versuche, ich komme einfach nicht vom Fleck, denn für den Wind bin ich zu schwer und sonst kommt hier niemand vorbei. Nicht einmal starker Regen kann mich wegschwemmen. Ich liege dann immer nur stundenlang in einer aufgeweichten, stinkenden Pfütze, die sich langsam wieder verzieht, aber dabei ihren Dreck an mir kleben lässt.
Gerade lässt sich eine Bande Jungspunde auf der Bank nieder. Einer von ihnen hat ein Radio dabei aus dem furchtbare Musik dröhnt, zu der jemand spricht. Unter der Bank hindurch kann ich ihre bunten Schuhe sehen. Ein Zigarettenstummel fällt von oben herab, streut ein paar glühende Funken um sich herum und wird dann von einem der Füße zertreten.
Zwei der Füße heben sich vom Boden ab und steigen auf die Bank um den, den sie tragen, auf die Lehne zu setzen.
Doch auf einmal wird es dunkel über mir. Dunkler als der sonstige, penetrante Schatten, der über mir liegt. Der Körper des Jungspunds rauscht durch das Laubwerk über meinem Kopf und landet krachend auf mir. Gehässig kichere ich in mich hinein, als er vor Schmerzen aufschreit, doch bevor ich fertig bin, tastet auch schon seine Hand nach mir.
“Verfickter Scheißstein!”, brüllt er auf und hebt mich in die Luft. Für einen Moment realisiere ich nicht, was passiert, dann wird mir klar, dass das oft verfluchte Laub des Busches unter mir ist und ich in die Strahlen der warmen Sonne erhoben bin. Die Hitze und das Leuchten umschließen mich sanft, wie eine mütterliche Umarmung, derer ich so lange entbehren musste. Ich habe es zurück, nach all der Zeit im Zwielicht, küsst es mich von einem Moment auf den anderen, wie eine lange verloren geglaubte Liebste.
Im nächsten Moment schwirre ich, getrieben von junger, männlicher Kraft und Enthusiasmus, durch die Luft. Menschen, Himmel und Wolken fliegen an mir vorbei, doch die Sonne – sie ist immer bei mir und hält mich mit ihren Strahlen fest umklammert. Du verfluchter, unglücklicher Jungspund, der mir die Freiheit schenkte. Wie dankbar ein einfacher Stein, aus Schatten befreit, auch sein kann, ich bin es.
Stolpernd lande ich auf weichem, grünem Gras, springe vor überschwallender Freude noch einmal auf und finde zwischen den Halmen, die sich neben mir im Sonnelicht wiegen, wie Federn, ein Bett aus Glückseeligkeit. Kitzelnd streifen sie mich dabei und vor lauter Erleichterung darüber, lache ich aus vollem Herzen und weine zugleich.
Ich bin frei.
Frei von Schatten und Sehnsucht, neu geboren und zurück gekehrt ins glühende Licht, vorgestoßen aus dem Martyrium der Schatten und dem Verlangten, dass mir direkt vor Augen war, ich aber doch nicht hin gelangen konnte. Nun bin ich am Ziel all meiner Wünsche und richte meinen Blick erfüllt von allen Freuden dieser Welt gen Himmel, wo die Vögel vorüber ziehen.
Dann greift eine kleine Hand nach mir und hebt mich erneut nach oben.
Ein kleines Gesicht grinst mich mit großen Augen an. In seinem Lächeln sticht zwischen den hellen Zähnen eine dunkle Lücke hervor, wie ein Tor zurück in die Verdammnis.
Und dann – dann steckt er mich in seine Tasche zu dem kleinen Metallauto, dass er mit sich herum trägt.

Wer schreiben kann, darf auch gern teilnehmen am Short Story Collab. Lesen können muss man nicht, ist aber von Vorteil.
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